Zusammen mit Christian Ströbele besuchte Winfried Nachtwei vom 18. - 23. April 2006 die Demokratische Republik Kongo. Im Anschluss verfasste er folgenden Erfahrungsbericht (Ströbeles Bericht findet sich hier):
Winfried Nachtwei, MdB
Sicherheits- und abrüstungspolitischer Sprecher
Bündnis 90 / Die Grünen im Bundestag
April 2006
Erkundung in Kongo-Kinshasa -
Erfahrungen, Schlussfolgerungen
Vom 18.-23. April 2006 besuchten Christian Ströbele und ich die Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo Kinshasa. An den ersten beiden Tagen führten wir alle Gespräche zusammen mit der FDP-Kollegin Elke Hoff. C. Ströbele, der vor zwei Jahren schon mal in der Region war, reiste anschließend weiter in den Ostkongo. Ziel unserer Reise war, im Vorfeld der Bundestagsentscheidung über eine deutsche Beteiligung an der geplanten EU-Mission den Stand des Wahl- und Friedensprozesses zu eruieren, Informationen und Meinungen zu der EU-Mission einzuholen (Akzeptanz, Sinn, Machbarkeit, Verantwortbarkeit) und die politischen Prioritäten nach der Wahl zu diskutieren. Für mich, der ich bisher nur in Somalia, Tunesien und Namibia war, kam das unmittelbare Interesse hinzu, die Geographie, die Menschen, den Verkehr, das Klima in Kinshasa unmittelbar zu erleben. Trotz grundsätzlich positiver Haltung zur EU-Mission („wir wollen unterstützen können", vgl. mein Papier vom 16. März) lag mir an einer echten Erkundung vor Ort, eingeschlossen die Möglichkeit, mit einer ablehnenden Haltung zurückzukehren.
Mit Hilfe der Botschaft und GTZ konnte ein breites Spektrum an Gesprächspartnern gewonnen werden - von (Ex-)Warlords bis zu starken einheimischen und internationalen Peacebuilders. Konkret waren es Außen- und Verteidigungsminister, die Vizepräsidenten Bemba und Ruberwa, der stellv. politische Chef von MONUC Haile Menkerios (der Eritreer wirkt schon länger am kongolesischen Friedensprozess mit), der stellv. Leiter der politischen Abteilung von MONUC Albrecht Conze, VertreterInnen von UNHCR, UNICEF, von Menschenrechtsorganisationen, der zivilen EU-Missionen EUPOL und EUSEC (Beratung für Polizei- und Armeeaufbau), kongolesische Abgeordnete, VertreterInnen von NGO`s und Zivilgesellschaft, Misereor, deutsche MitarbeiterInnen in internationalen Organisationen und der GTZ, Deutsche mit vieljähriger Kongo-Erfahrung. Parallel zu uns befand sich in den ersten beiden Tagen eine EU-Delegation in Kinshasa, bestehend aus dem EU-Sonderbeauftragten für das Afrika der Großen Seen, Aldo Ajello, den künftigen Kommandeuren der EUFOR-Gesamt-operation, Generalleutnant Viereck, und des Force Headquarters in Kinshasa, dem franzö-sischen General Damay. Über die GTZ konnte ich am letzten Tag allein noch mehrere Projekte zur Erosionsbekämpfung, zur Förderung kleiner und mittlerer Unternehmen und ein Demobilisierungscamp für ehemalige Milizionäre besuchen.
Die Kongo-Mission war zehn Tage später zentrales Thema bei Gesprächen der Obleute des Verteidigungsausschusses bei den VN in New York und insbesondere beim Departement for Peace Keeping Operations.
Zusammenfassung:
Reisebericht Kongo-Kinshasa
Der Anflug auf Kinshasa bestätigt zunächst alle düsteren Erwartungen: Über dem Kongo durchfliegen wir hoch getürmte und aufgewühlte Wolkengebirge, müssen fünfmal über Kinshasa kreisen, Gewitterblitze zucken, ein Regenbogen strahlt. Beim Landeanflug liegt besiedeltes Land weitestgehend im Dunkeln, unterbrochen nur von wenigen Lichtquellen. Erst bei der Landung wird das Flackern vieler kleiner offener Feuer sichtbar. Außerhalb der Maschine umfängt uns schwüle Wärme. Auf der Fahrt mit den Botschaftswagen durchqueren wir auf dem Boulevard Lumumba den Riesenslum Masina mit seinen ca. 2 Millionen Bewohnern: In der Düsternis rechts und links Massen an Menschen, kleine Verkaufsplätze sind schwach von Gasfunzeln erhellt. Zerbeulte bis schrottreife Kleinbusse mit lückenhafter Beleuchtung quellen über von Passagieren. Ein VW-Bus nimmt mindestens 20 Personen mit, auch auf der Stoßstange. Menschen schlagen sich von der einen Straßenseite zur anderen durch den chaotischen Verkehrsstrom durch. Ampeln und Zebrastreifen gibt es hier nicht.
Das Hotel liegt dann in der anderen Welt von Gombe, dem Viertel der Botschaften, Regierungsgebäude südlich vom Kongo-Fluss. Diese Gebäude sind alles (Hoch-)Sicherheitszonen. Am Kongo liegen die Residenzen in Traumlage am Fluss. Der Blick geht rüber nach Brazzaville, der Hauptstadt der Republik Kongo.
Zur Lage in der DRC und zur EU-Mission allgemein
Der kongolesische Staat verfügt über 560 Mio. US-$ Einkünfte, vergleichbar einer kleineren deutschen Großstadt. Davon sind 58% international finanziert. Seit Mobutu ist die Kleptokratie regelrechte Staatsphilosophie. Die Familie des Präsidenten Kabila soll ca. 1 Mrd. $ angehäuft haben. So wird z.B. vom Etatposten für Militärgehälter ein Großteil vorher abgegriffen. Bei den Soldaten kommt eher selten der Mini-Sold von 10 $/Monat an - 50 $ wären notwendig. Damit ist ihr plünderisches Verhalten vorprogrammiert. Dieser Typ Militär kommt dem des 30-jährigen Krieges sehr nah. Die FARDC schafft keine Sicherheit, sondern Unsicherheit. Milizen sind manchmal eine Art „Heimwehr" gegen die Armee.
Die Verkehrsinfrastruktur ist desolat. Überregionale Straßenverbindungen gibt es nicht. Für die einzige „Hauptverbindungsstraße" im Westen zwischen Kinshasa-Kikwit braucht man für 520 km mindestens zwei Tage. Bei großem Regen wird alles unpassierbar. Verstopfte Abwassergräben in der Stadt führen schnell zu Überschwemmungen. Im Stadtgebiet sehen wir immer wieder Eisenbahngleise, die offenbar lange keine Züge mehr gesehen haben.
Ende 2003 lag das jährliche Prokopfeinkommen bei 99 US-$, ein Viertel des Niveaus von 1960. Die DRC gehört zu den zehn ärmsten Ländern der Welt und könnte zu den fünf reichsten Schwarzafrikas gehören. Die reichen Bodenschätze im Osten und Südosten werden im Interessen vielfältigster Interessen, nur nicht der kongolesischen Bevölkerung, ausgebeutet: von Uganda in Ituri (Gold), von Ruanda in Nord-/Süd-Kivu (Zinnerz, Coltan), von Sambia aus Katanga (Kupfer, Kobalt), von internationalen Bergbaugesellschaften, vermehrt von russischen und chinesischen Interessen. (Vgl. den Bericht des Oppositionspolitikers Christoph Lutundula im Auftrag des kongolesischen Übergangsparlaments vom Juni 2005; Bericht eines Experten-Panels der VN über die illegale Ausbeutung natürlicher Ressourcen in der DRC vom Oktober 2002) Deutsche Investitionen in der DRC liegen bei ganzen 13,5 Mio. $ und werden massiv durch die allgemeine Rechtlosigkeit behindert.
Mit der im Februar 2006 in Kraft getretenen neuen Verfassung soll die Macht des Präsidenten beschnitten werden zu Gunsten der 26 Provinzen mit ihren eigenen Einkünften, Provinzversammlungen und gewählten Gouverneuren.
Vom VN-Haushalt gehen ungefähr 50% in Peacekeeping, davon 1/5 in MONUC als größte VN-Mission. Katanga schafft MONUC schon nicht mehr. Der VN-Sicherheitsrat lehnte eine weitere Brigade für Katanga ab. Die halbe Brigade uruguayischer Blauhelme reiche gerade für Eigenschutz und Evakuierung. Für die Sicherheit in der Hauptstadt bringe sie nichts. Wenn es Wahlfälschungen und Chaos gebe, hat MONUC zwei Alternativen: (a) Abzug aus Kinshasa, (b) Verstärkung in Kinshasa durch Abzug aus dem Osten.
Die EU-Mission sei kein solcher militärischer Einsatz wie bei Artemis, wo völlige Anarchie und Massaker wüteten. Es gehe viel mehr darum, von gewaltsamen Wahl"korrekturen" im Machtzentrum abzuhalten, Putschisten so lange zu isolieren, bis sie aufgeben. Es geht ausdrücklich nicht um Kontrolle der (mindestens) 7-Millionenstadt oder den Einsatz gegen Demonstranten, gegen die keine Soldaten mit Kriegswaffen helfen. Die Anforderung nach der EU-Truppe kam logischerweise nicht von den Regierenden Kongos, sondern von den Strategen des VN-Departement for Peacekeeping-Operations in New York.
Botschafter Reinhard Buchholz, der nach etlichen Posten in Afrika reichlich Erfahrung mit Krisen- und Kriegssituationen hat, betont, wie wichtig eine zeitliche und räumliche Begrenzung der EU-Mission sei. Ansonsten gerate man schnell in einen Sumpf.
Ende 1941/Anfang 1942 rollten Deportationszüge aus Deutschland und Österreich nach Riga.
Seit 1989 forschte W. Nachtwei zum Schicksal der verschleppten jüdischen Frauen, Männer und Kinder.
Anlässlich der 70. Jahrestage der Deportationen bietet W. Nachtwei an, seinen Riga-Vortrag bei Erinnerungsveranstaltungen und in Schulen zu halten. (Anlage)
Von der zivilen Krisenprävention bis zum Peacebuilding: Die 53-seitige Broschüre stellt kompakt und klar auf jeweils einer Themenseite Prinzipien, Akteure und Instrumente des Krisenmanagements vor. Bei einem Kolloquium im Bundestag in Berlin wurde die Schrift einem Fachpublikum vorgestellt. Erstellt von AutorInnen des Zentrums Internationale Friedenseinsätze ZIF und der Stiftung Wissenschaft und Politik SWP ist die "Toolbox" ein wichtiger Beitrag zur friedens- und sicherheitspolitischen Grundbildung auf einem Politikfeld, wo die Analphabetenrate in der Gesellschaft, aber auch in Medien und Politik sehr hoch ist. ... www.zif-berlin.de

Auf dem Foto überreicht W. Nachtwei den AutorInnen seine 2008 erschienene Broschüre zur Zivilen Krisenprävention und Friedensförderung.
Mehr zur Rolle zivilgesellschaftlicher Akteure bei der zivilen Konfliktbearbeitung u.a.:
In seiner Veröffentlichung "Viel beschworen, wenig bekannt: Zivile Krisenprävention und Friedensförderung" in der Kleinen Reihe des AphorismA-Verlages vom November 2008 legt Winfried Nachtwei einen aktuellen Zwischenstand der vielfältigen Aktivitäten auf dem Feld der Zivilen Krisenprävention vor. Der Autor erläutert die Schlüsselprobleme, zeigt notwendige Umsetzungschritte auf und fordert einen neuen Schub für Zivile Konfliktbeareitung. Das Bändchen kann auch beim AphorismA-Verlag bestellt werden.